Die Verhandlungen von Puttenhausen und die Befreiung von Moosburg
von Hanns Seidl
Am 29. April hatte das CCA (Combat Comand A unter der Leitung von Brigadegeneral Charles H. Karlstadt) der 14. US-Panzerdivision ihr Hauptquartier in Puttenhausen nahe Mainburg aufgeschlagen.
Beteiligt daran war auch das schon erwähnte 68th Armored Infantry Bataillon. Zu dieser Einheit gehörte Ray Lohof, der später eine Hallertauerin, Marianne Lohof, heiratete. Dem Kontakt mit ihr verdanke ich vor allem die Hinweise auf eine Fülle von Unterlagen, was die amerikanische Seite betrifft. Jim Lankford schreibt in seinem Artikel „Die Befreiung von Stalag VII A (Mosburg):
„In den frühen Morgenstunden des 29. April 45 näherte sich ein Auto einer Straßensperre auf der südöstlichen Seite von Mauern aus Richtung Moosburg. Der Wagen war nicht beschossen worden, weil er unter weißer Flagge fuhr. In dem Auto saßen vier Männer, die um eine Unterredung mit einem höheren Offizier baten. Sie wurden von Oberstleutnant James W. Lann, dem kommandierenden Offizier des 47. Panzerbataillons, eskortiert. Der Gruppe im Wagen gehörten ein Vertreter des Schweizerischen Roten Kreuzes, ein Major (?) der SS, Oberst Paul S. Goode (US-Army) und Group Captain Willets (RAF) an. Die beiden Letztgenannten waren die Senior-Gefangenen aus Stalag VII A, einem Kriegsgefangenenlager in der Nähe von Moosburg.
Der SS-Major trug einen schriftlichen Vorschlag bei sich, den er an den Kommandanten der amerikanischen Einheiten richten wollte. Nach einer kurzen Diskussion eskortierte Oberstleutnant Lann die Gruppe nach Puttenhausen zu Brigadegeneral Karlstadt.
Der Geheimdienstoffizier Major Daniel Gentry hatte gerade Dienst im CCA-Hauptquartier in Puttenhausen, als Oberstleutnant Lann ankam. Lann ging hinein, während er die Abordnung anwies, draußen zu warten. Er informierte Major Gentry über die Delegation und fragte, ob General Karlstadt zur Verfügung stünde. Major Gentry sagte ich, dass der General gerade erwacht sei und in Kürze auf seinem Gefechtsstand sein werde. Ein paar Minuten später kam Karlstadt herein und vernahm Lann’s Bericht, bevor die Delegation hereingebracht wurde. Sie betraten den Kommandostand kurz vor sechs Uhr morgens. Goode und Karlstadt erkannten sich sofort. Sie waren alte Freunde und grüßten sich herzlich mit ihren Vornamen.
Major Gentry war über das Aussehen von Oberst Goode bestürzt. Seine Jacke war ausgebleicht und von schlechter Wollqualität. Der Rest seiner Uniform war abgenutzt und in schlechtem Zustand. Bei Oberst Goode war nur ein einziges Rangabzeichen an seiner Jacke. Es schien uns aus einem Stück Blech geschnitten worden zu sein. Im Gegensatz dazu war Group-Captain Willets Uniform in ausgezeichnetem Zustand. Er trug sogar ein Offiziersstöckchen.
Nach der Vorstellung diskutierten der SS-Major und der Vertreter des Roten Kreuzes den deutschen Vorschlag mit General Karlstadt. Goode und Willets nahmen zum großen Teil nicht an der Diskussion teil und verbrachten ihre Zeit mit Gesprächen im Gefechtsstand. Oberst Goode verließ den Raum um etwas zu essen zu bekommen.
Nachdem die Männer bemerkt hatten, dass Oberst Goode ein Kriegsgefangener war, bereiteten ihm einige aus ihren persönlichen Beständen Frühstück mit gebratenen Eiern, Speck und Toast.
Der deutsche Vorschlag war auf Englisch geschrieben. Er forderte einen Waffenstillstand in dem Gebiet um Moosburg, da dort ein großes Kriegsgefangenenlager sei. Darüber hinaus wurde gefordert, eine neutrale Zone um Moosburg zu schaffen und alle Bewegungen der alliierten Truppen in der Nähe der Stadt zu stoppen, während die Vertreter der alliierten und deutschen Regierung über die Stellung der Gefangenen im Krieg verhandelten. Niemand in der Division hatte bis dahin von einem Gefangenenlager gewusst, noch davon in dieser Größenordnung.
Während er die Einzelheiten des deutschen Vorschlags eruierte, sandte General Karlstadt eine Funknachricht ins Divisionshauptquartier nach Manching und bat Divisionskommandeur Generalmajor Albert C. Smith um Instruktionen. Es war klar, wenn der Vorschlag akzeptiert würde, dass die A-Kompanie dann die wichtige Isarbrücke nicht einnehmen könnte, weil sie dann in der neutralen Zone gelegen wäre. Es würde auch den sich zurückziehenden Deutschen mehr Zeit geben, sich zumindest mit einem Teil der Gefangenen hinter die Isar zurückzuziehen. General Smith lehnte also den Vorschlag ab und bestand auf einer bedingungslosen Kapitulation aller deutschen Truppen in Moosburg. Karlstadt gab diese Meldung an den SS-Major weiter. Nachdem die Delegation den Gefechtsstand Puttenhausen in Richtung Moosburg verlassen hatte, setzte sich Karlstadt zusammen mit seinem Adjutanten in den Jeep und führte seine Männer zum Angriff auf Moosburg und die Befreiung des Stalag VIIA.“
Man muss es sich noch mal bewusst machen: Bevor die Delegation in Puttenhausen erschien, wussten die Amerikaner nichts von der Existenz eines der größten Kriegsgefangenenlager in Deutschland. Das Lager war zum Zeitpunkt der Befreiung durch die 14. US-Panzerdivision mit über 100.000 Gefangenen besetzt.
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Vom Todesmarsch zum Marsch des Lebens
Wir aßen Gras und glitschige Schnecken!
Mainburger Bevölkerung erlebt vor 70 Jahren die Schreckensherrschaft der Nationalsozialisten hautnah. Häftlinge aus KZ Hersbruck und Saal im Ort.
„Am 20. April 1945, an Hitlers 56. Geburtstag, fällt nach viertägigem Kampf Nürnberg, die Stadt der Reichsparteitage, in die Hände der 3. amerikanischen Armee. Im Norden tobt die Schlacht um Berlin. Der Jubilar, körperlich und seelisch schwer angeschlagen – „regiert“ nun im Kreis einiger Getreuer vom Bunker unter der Reichskanzlei aus.“
Etwa 35km östlich von Nürnberg wurde im Juli 1944 das KZ-Hersbruck errichtet. Das KZ war dem Hauptlager Flossenbürg unterstellt und wurde ausschließlich für die Häftlinge genutzt, die in dem 5km von Hersbruck entfernten „Doggerwerk“ bei Happurg arbeiten mussten. Es sollte eine unterirdische Fabrik für BMW-Flugzeugmotoren mit einer Gesamtfläche von 120.000qm entstehen. Acht miteinander verbundene Stollen mit einer Gesamtlänge von 3,5km wurden in den Berg getrieben.
Wegen der rasch anrückenden amerikanischen 3. Armee wollte die SS KZ-Häftlinge nicht lebend in die Hände der Kriegsgegner fallen lassen und räumte daher die Lager. Als erste wurden am 7. April 1945 von Hersbruck 1600 kranke Häftlinge in Güterwaggons in das KZ Dachau transportiert.
Die verbliebenen Gefangenen wurden zwischen dem 8. und 14. April 1945 zu Fuß in fünf Kolonnen mit je 600 Häftlingen in Marsch gesetzt. Vier Kolonnen mit 2103 Menschen erreichten bis zum 26. April das KZ Dachau. Die fünfte Kolonne wurde in Schmidmühlen von den Amerikanern befreit.
Zeitzeugenbericht von Ljubisa Letic:„An einem Tag Anfang April mussten sich alle Häftlinge auf dem Appellplatz aufstellen. Die SS- Aufseher ließen uns über die Dolmetscher wissen, dass das Lager Hersbruck geräumt werden müsse. Die Lagerinsassen sollten nach Dachau verlegt werden. Diejenigen, die nicht laufen konnten, sollten mit einem Güterzug nach Dachau abtransportiert werden, die Gesunden sich am nächsten Tag zu Fuß auf den Weg machen.
Am nächsten Morgen marschierte eine lange Kolonne in Richtung Süden, mit dem Ziel Dachau.
Unterwegs gab es nichts zu essen. Jeder schaute, wie er zurecht kam. Wir aßen Gras und als Fleisch gab es glitschige Schnecken, die wir mit dem Löffel aus dem Schneckenhaus zogen und lebendig verschlangen. Sie schmeckten ekelhaft, aber wir mussten es tun um einigermaßen bei Kräften zu bleiben.
Gelegenheiten, um an etwas Essbares zu kommen, hatten wir nur, wenn die SS-Leute eine Rast einlegten. Sie hatten genügend Proviant, wir hatten nur Gras und Schnecken. Während einer Pause nahm ein Wächter aus seinem Rucksack eine Dose Vaseline zum Schmieren der Stiefel und warf sie weg. Ich schnappte die Dose und wischte sie mit den Fingern aus. Die SS-Leute lachten bloß darüber, mit welchem Appetit ich das Schmiermittel aß.“Man muss es sich noch mal bewusst machen: Bevor die Delegation in Puttenhausen erschien, wussten die Amerikaner nichts von der Existenz eines der größten Kriegsgefangenenlager in Deutschland. Das Lager war zum Zeitpunkt der Befreiung durch die 14. US-Panzerdivision mit über 100.000 Gefangenen besetzt.
In einem weiteren Nebenlager des KZ Flossenbürg, in Saal, machten sich Ende April 200 ausgemergelte, kranke, erschöpfte Häftlinge zu Fuß auf den Weg nach Dachau, begleitet von Wachmannschaften der SS und ihren Leidensgenossen aus Hersbruck. Die Gefangenen hatten bei der Ausschachtung des Ringbergs helfen müssen, wo in Stollen die Endmontage der Wunderwaffe der Nazis, des ersten düsengetriebenen Jagdflugzeugs der Welt, der ME 262 (Messerschmitt Düsenjäger), erfolgen sollte. Dass es nicht mehr dazu kam und die Männer auf einen Todesmarsch geschickt wurden, lag an dem schnellen Vordringen der Amerikaner. Was sich dabei ereignete, ist nicht mit Worten zu beschreiben. Wer nicht mehr weiter konnte, wurde erschlagen oder erschossen. Die Geschundenen kamen mit ihren Bewachern auch durch die Orte Elsendorf, Meilenhofen, Lindkirchen und Mainburg.
Karolin Lorenz: „Ich ging von Lindkirchen nach Meilenhofen zum Fleischholen im Auftrag meiner Mutter. Am Ortsende kam mir, für mich völlig überraschend, ein langer Zug von ausgemergelten, dürren, erschöpften Gestalten in gestreifter Häftlingskleidung entgegen. Ich erschrak fürchterlich.
Einer der armen Teufel warf sich neben die Straße in ein angrenzendes Rapsfeld und stopfte sich in aller Hast möglichst viele Pflanzen in den Mund. Dann kehrte er in rasender Eile in den Zug zurück, so dass der begleitende ältere Wachposten nicht seine Identität feststellen konnte.
Die Lindkirchener Bevölkerung war furchtbar erregt und wollte den Gefangenen zu essen geben, was aber von den Wachposten mit den Worten nicht erlaubt wurde: ‚Mit denen müsst ihr kein Mitleid haben, das sind eh lauter Verbrecher!’
In Meilenhofen wurde der Todesmarsch von Tieffliegern angegriffen. Die Gefangenen schwenkten zu ihrem Schutz weiße Tücher und flüchteten in die nahegelegenen Häuser. Ich rannte voller Angst laut schreiend und weinend mit. Die Bäuerin schnitt einen Laib Brot auf und kam kaum zum Verteilen, weil die armen Teufel in Panik von hinten drückten, um auch etwas gegen ihren wahnsinnigen Hunger zu ergattern.Einer schlich sich nach oben auf den Speicher und füllte sich etwas Getreide in seine Kappe. Kurz danach rannten junge SS-Wachmannschaften mit Hunden in das Haus und trieben die Männer mit Schlägen wieder auf die Straße. Einer der Bewacher schlug den Mann mit den Körnern in der Kappe mit dem Gewehrkolben. Trotz Schmerzen ließ der aber seine karge Ration nicht fallen.
Draußen bemerkte ich noch, wie sie einen ganz Schwachen, der ganz gelb im Gesicht war, mitschleppten. Der lebte sicher nicht mehr lange. Es war furchtbar, so viele elende, mitleiderregende Menschen auf einmal zu sehen.
Im Dorf erzählte man sich noch, dass die Gefangenen die Nacht auf einer umzäunen Schafweide verbrachten. Am nächsten Tag stand auf der Wiese kein Grashalm mehr.“
Am folgenden Tag muss dieser Elendszug wohl auch Mainburg durchquert und bei der 15jährigen Lilo Pinsker einen bleibenden Eindruck hinterlassen haben:
„Durch Mainburg kam in den letzten Kriegstagen ständig rückwärts marschierendes Militär. Da haben wir auch KZ-ler gesehen. Die hab’ ich ja noch nie gesehen g’habt. Die haben sie durchgetrieben. Mei, war das was. Da war die Kuffer Reserl noch bei uns. Geweint haben wir alle so viel, wie wir die Leute gesehen haben. Direkt durch die Gabelsberger Straße an unserem Bürofenster vorbei wurden die Häftlinge getrieben. Wahnsinn, wie furchtbar ‚greißlich’ die beieinander waren, dürr und wacklig. Furchtbar, die Leute! Die Frauen wollten hin und ihnen Brot geben. Die haben die Bewacher gleich wieder weggescheucht. Da hat man nichts tun dürfen.
Wir haben gewusst, dass es ein KZ gibt. Aber wie es da ist, das hat man nicht gewusst. Da schämt man sich heute noch, das ist furchtbar gewesen… ja!
Da sind ja so viele unter dem Marschieren schon gestorben! Wir haben uns furchtbar aufgeregt damals.“
Der 12-jährige Manfred Schoppe wurde in seinem Weltbild von damals beim Anblick des Häftlingszugs kräftig und nachhaltig erschüttert: „ Vorausschicken möchte ich, dass die deutsche Propaganda auch bei mir einprägsam gewirkt hatte. In meinem Kopf waren die deutschen Soldaten tapfer und ritterlich. Feige Kriegsführung war nur das Werk der englischen und amerikanischen Kriegstreiber. Und jetzt sah ich SS-Soldaten, die Tapfersten der Tapfersten, als Bewacher eines sich müde dahinschleppenden Häftlingszugs!? Ich hatte die Bilder des SS in dem Magazin „Das Signal“ vor Augen. Der kühne, männliche, furchtlose Blick unter dem Stahlhelm. Das waren doch Männer, die wie die Löwen kämpften in der Tradition der alten Goten. Aber der Reihe nach: Es war ein sonniger Aprilmorgen und irgendwie hatte es sich in der Ortschaft herumgesprochen, dass da was vor sich ging. Es wurde auch gesagt, man solle die Fenster geschlossen halten. Meine Mutter, mein Bruder und ich standen dennoch draußen vor dem Gasthaus Hofwirt in der Abensberger Straße (damals Georg-Luber-Straße) Der Bauer und Wirt Anton Kellerer mit seinen Töchtern war auch herausgekommen. Von Abensberg her näherte sich ein Zug von Menschen. Dass es keine Truppen waren, konnte man sehen, da er sich sehr langsam bewegte. Diese Leute hatten alle eine blauweiß gestreifte Häftlingskleidung an. Der schleppende Gang zeigte mir, dass sie wohl am Rand der Erschöpfung waren. Die SS-Wachmannschaften schlenderten lässig nebenher. Da der Tross sich nur sehr langsam fortbewegte, ließen sich einige Soldaten an unserem Gasthaus an der Treppe nieder, holten sich Brot und Wurst aus ihrem Beutel und machten Brotzeit.“ Himmel Hergott Sakra!“, entfuhr es da dem Hofwirt, „ die Leut sind doch am Verhungern, schmeißen sie doch ihr Brot und die Wurst hin, ich geb‘ Ihnen gern das Doppelte zurück!?“ Ein SS-Mann schaute sich zufrieden den Zug an, genau so wie ein Geschäftsmann, dem die Geschäfte gut gehen. „Niemand wirft irgendwas diesen Leuten hin“, sagte er dann, „ da verstehen wir wenig Spaß!“ Damals hoffte ich noch, dass die SS diese Verbrecher alle umbringen würde, bevor es den Amerikanern gelang, sie auf uns loszulassen und sie doch bestimmt unsere Hälse durchschneiden würden!? Ich hatte die Bilder aus Auschwitz, Buchenwald, Theresienstadt und Flossenbürg noch nicht gesehen.“
Auch der 9-Jährige Viktor Richtsfeld hat bleibende, bewegende Erinnerungen: „Ein zerlumpter Häftlingszug mit etwa 50 Gefangenen mit mehreren Begleitwachen kam an unserer Tankstelle in der heutigen Bahnhofsstraße (damals: Ritter-von-Epp-Straße) an der Marktmühle vorbei. Ich trug unter meinem Pullover eine Kamera, die einer der Wachleute entdeckte. Er riss sie mir vom Hals und zerschmetterte sie auf dem Boden. Als mein Vater dagegen protestierte, drohten ihm die SS-Leute ihn mitzunehmen. Als die Familie Richtsfeld versuchte, den Häftlingen Brot zuzuwerfen, hetzten die Soldaten ihre Hunde auf sie.“
Josef Steffel, damals 16 Jahre alt, begegnet am südlichen Ortsausgang von Mainburg dem Todesmarsch: “ Auf dem Weg vom Gschwellhof zur Schreinerei Gebendorfer in der Landshuter Straße (damals Hans-Schemm-Sraße), meiner Arbeitsstelle, kam ich nachmittags an einer Wiese unterhalb des Seidl-Weiher vorbei. Dort steht heute die HVG-Hopfenhalle. Etwa 50 merkwürdige Gestalten lagerten da. Sie trugen gestreifte, zerlumpte Häftlingskleidung und waren völlig abgemagert und ausgemergelt. Als ich vorbeiging, vernahm ich aus vielen Kehlen ein kraftloses Flüstern: „Brot….!“ Ich erschrak fürchterlich und überlegte, ob ich denn nicht zurückgehen sollte, um die elenden Kreaturen mit Brot zu versorgen. Da rief mich von der anderen Seite der Freisinger Straße mein Schulkamerad Ignaz Sailer, der neben einem sehr jungen SS-Wachsoldaten auf einem Holzstoß des Sägewerks Harlander saß. Ihnen zu Füßen lag ein großer Schäferhund, über den sich die beiden angeregt unterhielten. Ich hatte mich gerade gesetzt als ich sah, wie ein Häftling aus dem Graben trinken wollte. Sofort ließ der SS-Mann seinen Hund los, der die arme Kreatur in das Bein biss. Entsetzt protestierte ich, doch der Wachsoldat hatte nur ein höhnisches Lachen übrig: „Mach dir keine Sorgen um die, sie sind nichts wert! Das tut dem nur gut!“ Vielleicht wollte er uns auch nur mit seinem Hund imponieren!? Jedenfalls pfiff er aber dann doch das Tier zurück.“ Noch neugieriger geworden fragten wir den Wachsoldaten, wer denn diese Leute seien, was sie denn getan hätten!? Seine Antwort: „Das ist ein Verbrechervolk aus lauter Mördern und Schwerverbrechern. Würde man sie loslassen, so käme Mord und Todschlag über Mainburg!“
Der Todeszug muss sich über mehrere Tage durch Die Orte in und um Mainburg geschleppt haben. Alle Zeugen berichten immer nur von etwa 50 Mann. Und wir wissen, dass es vier Kolonnen mit je etwa 500 Polen, Russen, Juden, Ukrainern, Italienern, Ungarn, Serben, Tschechen, Franzosen und Deutschen waren. Josef Steffel weiß dazu noch etwas zu berichten: „Als ich am Abend nach Hause ging, gab es im Ortszentrum Fliegeralarm. Neugierig näherte ich mich. Da hörte ich am Marktplatz (damals Adolf-Hitler-Platz) ein Geklapper wie von vielen Pferden, nur unendlich langsamer. Die Holzschuhe eines weiteren Häftlingstrupps schepperten durch Mainburgs Mitte, begleitet von dem Rattern zweirädriger Handkarren für den Proviant der Bewacher. Sonst war nichts zu hören – Totenstille.
Über Puttenhausen, Au, Hirnkirchen und Kirchdorf gelangte der Zug deutlich dezimiert nach Dachau. Was zwischen Hirnkirchen und Kirchdorf auf 13,5 Kilometern geschah, darüber hat im Jahr 2010 der Filmemacher Marcus Siebler den Zeitzeugen Xaver Neumeier befragt. Der damals 14-jährige Bub muss auf Geheiß des SS mit einem Pferdefuhrwerk dem Todeszug folgen: „Wer nicht mehr marschieren konnte, Genickschuss, erschossen, auf den Wagen gelegt und dort lagen dann etwa 20, 22 Mann!“
Am Freitag, den 24. April 2015 möchten Schüler und Lehrer der Hallertauer Mittelschule und der Realschule Mainburg zum 70igsten Jahrestag an diesen Todesmarsch in einem Marsch des Lebens erinnern. Gemeinsam gehen sie den Weg der Häftlinge und ihrer Bewacher ein Stück weit bis Puttenhausen nach. Marschbeginn ist am Marktplatz um 10 Uhr. Wir laden die gesamte Bevölkerung, die Würdenträger und natürlich auch die Zeitzeugen dazu ein, sich mit uns auf diesen Marsch des Lebens zu begeben!
Die Texte sind teilweise dem Buch: Hallertauer Geschichten, Hrsg.: Reinhold Lang, Schriftenreihe des Deutschen Hopfenmuseums Wolnzach, 8, entnommen.
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